| | 04.11.2005 Hat
Udine den Pfosten gefoult? Statistikrausch in der Champions League treibt
seltsame Blüten Udine
hat einmal den Pfosten getroffen und Werder einmal die Latte. Real Madrid hatte
zu 52 Prozent der Zeit Ballbesitz, der FC Brügge hat 21 Fouls begangen, Sparta
Prag stand vier Mal im Abseits, und die Luftfeuchtigkeit in Bremen betrug 73 Prozent.
Die Champions League ist ein absurder Zahlenrausch. Dicke
Papierbündel, vollgestopft mit Statistik, werden vor jedem Spiel verteilt,
zur Halbzeit auch und noch einmal nach dem Abpfiff. Tore und Gelbe werden da aufgeführt,
Nachspielzeiten, Einwechslungen und Elfmeter. Wie viele Schüsse aufs Tor
gab es, wie viele davon gingen vorbei? Wie viele Ecken gab es, wie lange war der
Ball tatsächlich im Spiel, wie viele Freistöße führten zum
Tor? Wer das eingeführt hat, glaubt wahrscheinlich, dass man die Faszination
des Fußballspiels mit Buchhaltermethoden erklären kann. Aber dazu ist
der Vorgang viel zu komplex: 22 Spieler und drei Schiedsrichter stehen auf dem
Feld, dazu gibt es Ersatzspieler, Trainer und Zuschauer, und alle beeinflussen
sich gegenseitig.
Ein paar Hinweise auf die Wirklichkeit gibt die Zahlenspielerei
aber doch. Dass Werder zu 58 Prozent der Spielzeit in Ballbesitz war und dass
für Werder 25 Torschüsse verbucht werden, für Udine nur 8, zeigt
tatsächlich, dass Bremen überlegen war.
Was die Zahlen nicht
verraten: Das Übergewicht hielt nur eine Stunde, danach kam Udine mächtig
auf und machte aus Werders 3:0-Führung zwischenzeitlich ein 3:3, bis Micoud
doch noch den Siegtreffer schoss (Anmerkung aus der Statistik: Es war das einzige
Tor der gesamten Partie, das aus einem Freistoß entstand).
Aber darf
man sich auf das Zahlenwerk verlassen? Zweifel sind erlaubt. Laut Spielstatistik
sind Werders Spieler am Mittwochabend 18 Mal gefoult worden, während Udine
19 Fouls begangen hat. Wer wohl beim 19. Mal leiden musste? Haben sie den Schiedsrichter
gehauen? Den Torpfosten umgegrätscht?
Wahrscheinlich hat Werders vergnüglicher
Spektakel-Fußball sogar den Graf Zahl der Champions League so fasziniert,
dass er beim Ankreuzen seiner Zahlenkolonnen abgelenkt war und durcheinander gekommen
ist.
Author: Torsten Melchers / Nordsee-Zeitung |