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2003
 

 
  
 

09.03.2006

Nachbetrachtung

Wie der Puma dem rosaroten Panter eine Lektion erteilt
Werders Torwart Wiese hält 87 Minuten wie ein Weltmeister und schenkt Juventus dann den Sieg

Juventus Turin - Werder Bremen 2:1

Die Szene kam in Zeitlupe. In normalen Tempo. Aus verschiedenen Kameraperspektiven. Aus der Ferne. Ganz nah dran. Immer wieder. Aber so oft das italienische Fernsehen es auch zeigte: Was in der 87. Minute geschehen ist, bleibt unfassbar: Werders Torwart Tim Wiese schenkte Juventus den Sieg.

Der Keeper im rosa Trikot hatte den Ball abgefangen, die Gefahr war bereinigt, beide Mannschaften liefen zurück. Aber der Wiese verlängerte die Szene, er ließ sich fallen und rollte ab. Dabei trudelte ihm der Ball aus den Armen. Als erster reagierte Juves Abwehrspieler Fabio Cannavaro, der aber viel zu weit weg stand. Also schrie er sich die Kehle aus dem Hals: "Puma. Puma. Puma". Puma, das ist der Spitzname des Brasilianers Emerson. Als der seinen Namen hörte, drehte er sich um, sah den freien Ball und schoss ihn ins Tor. Und Wiese wich alles Blut aus seinem Gesicht. Er hatte es verbockt.
Mit 1:2 verlor Werder Bremen das Rückspiel im Achtelfinale der Champions League bei Juventus Turin. Damit ist der Bundesliga-Club trotz des 3:2-Siegs im Hinspiel ausgeschieden, weil bei Gleichstand die auswärts geschossenen Tore mehr wert sind.

Spieler, Offizielle und Fans fühlten sich nach dem Scheitern um ein Glücksgefühl betrogen. Denn Juventus war eigentlich schon gescheitert, die Supertruppe von Trainer Fabio Capello spielte nur noch aus Pflichtgefühl weiter. Sie spürte: Gegen diese Bremer Mannschaft war an diesem Tag nichts auszurichten.

"Danke Wiese", höhnten am Tag darauf die italienischen Zeitungen. Das Verrückte aber war: Ohne Wiese hätte Werder wahrscheinlich 1:4 oder 1:5 verloren. Denn der Torwart war an diesem Abend bärenstark. Er parierte sogar Schüsse und Kopfbälle, die unhaltbar waren. Fast ganz allein hielt er Werder auf diese Weise im Wettbewerb. Die Spieler hätten ihn in einer goldenen Sänfte aus dem Stadion tragen müssen, wenn es beim 1:1 geblieben wäre.

Stattdessen wurde der Schlusspfiff des häßlichste Geräusch des Abends. Da platzte der Traum unwiderruflich. Und Tim Wiese stand ganz allein in der Bremer Hälfte. Er starrte den Boden an.

 
 


Naldo und Johan Micoud reagierten als erste, sie trabte auf ihren Torwart zu und tickten ihn aufmunternd an. Ausgerechnet der kühle Franzose, dachte man. Und dann kamen immer mehr - weitere Werder-Spieler, Manager Klaus Allofs, und selbst Schiedsrichter Graham Poll versuchte, den Untröstbaren zu trösten.

Turins schlechtes Gewissen

Sogar ein paar Juve-Spieler klopften Wiese auf die Schulter. Zlatan Ibrahimovic zum Beispiel und Lilian Thuram. Diese Gesten waren keine Häme, dahinter steckte eher schlechtes Gewissen. Denn die Weltklassefußballer wussten, dass sie unverdient weitergekommen sind. Denn über beide Spiele betrachtet, war Werder die bessere Mannschaft.

Der Bremer Hinspielsieg ging im Empfinden der Experten als Ausrutscher durch, wie er auch einer Klassemannschaft wie Juventus passiert. Aber in Turin ging es genau so weiter. Wieder überzeugte die Mannschaft von Trainer Thomas Schaaf mit Angriffswillen, Ballsicherheit und Kombinationsfußball. Und als Micoud schon in der 13. Minute das 1:0 schoss, begannen die Bremer Anhänger ernsthaft daran zu glauben, dass ihr Traum vom Viertelfinale Wirklichkeit werden könnte.

Wie zwei Wochen zuvor im Weserstadion spielte Juve auch diesmal in der zweiten Halbzeit seine Klasse aus, unaufgeregt den Druck zu erhöhen.
Werders Klasse war es dagegen, dem standzuhalten. Zwar schoss David Trezeguet in der 65. Minute das 1:1, aber mehr war nicht drin. In den letzten zehn Minuten fanden sich die Turiner Profis spürbar mit ihrem Ausscheiden ab - bis zum Aussetzer des rosaroten Panters im Bremer Tor.


Author: Torsten Melchers / Nordsee-Zeitung