|
| 
 | | | | | 09.03.2006 Nachbetrachtung
Wie
der Puma dem rosaroten Panter eine Lektion erteilt Werders Torwart Wiese
hält 87 Minuten wie ein Weltmeister und schenkt Juventus dann den Sieg
Juventus
Turin - Werder Bremen 2:1
Die
Szene kam in Zeitlupe. In normalen Tempo. Aus verschiedenen Kameraperspektiven.
Aus der Ferne. Ganz nah dran. Immer wieder. Aber so oft das italienische Fernsehen
es auch zeigte: Was in der 87. Minute geschehen ist, bleibt unfassbar: Werders
Torwart Tim Wiese schenkte Juventus den Sieg. Der
Keeper im rosa Trikot hatte den Ball abgefangen, die Gefahr war bereinigt, beide
Mannschaften liefen zurück. Aber der Wiese verlängerte die Szene, er
ließ sich fallen und rollte ab. Dabei trudelte ihm der Ball aus den Armen.
Als erster reagierte Juves Abwehrspieler Fabio Cannavaro, der aber viel zu weit
weg stand. Also schrie er sich die Kehle aus dem Hals: "Puma. Puma. Puma".
Puma, das ist der Spitzname des Brasilianers Emerson. Als der seinen Namen hörte,
drehte er sich um, sah den freien Ball und schoss ihn ins Tor. Und Wiese wich
alles Blut aus seinem Gesicht. Er hatte es verbockt. Mit 1:2 verlor Werder
Bremen das Rückspiel im Achtelfinale der Champions League bei Juventus Turin.
Damit ist der Bundesliga-Club trotz des 3:2-Siegs im Hinspiel ausgeschieden, weil
bei Gleichstand die auswärts geschossenen Tore mehr wert sind.
Spieler,
Offizielle und Fans fühlten sich nach dem Scheitern um ein Glücksgefühl
betrogen. Denn Juventus war eigentlich schon gescheitert, die Supertruppe von
Trainer Fabio Capello spielte nur noch aus Pflichtgefühl weiter. Sie spürte:
Gegen diese Bremer Mannschaft war an diesem Tag nichts auszurichten.
"Danke
Wiese", höhnten am Tag darauf die italienischen Zeitungen. Das Verrückte
aber war: Ohne Wiese hätte Werder wahrscheinlich 1:4 oder 1:5 verloren. Denn
der Torwart war an diesem Abend bärenstark. Er parierte sogar Schüsse
und Kopfbälle, die unhaltbar waren. Fast ganz allein hielt er Werder auf
diese Weise im Wettbewerb. Die Spieler hätten ihn in einer goldenen Sänfte
aus dem Stadion tragen müssen, wenn es beim 1:1 geblieben wäre.
Stattdessen
wurde der Schlusspfiff des häßlichste Geräusch des Abends. Da
platzte der Traum unwiderruflich. Und Tim Wiese stand ganz allein in der Bremer
Hälfte. Er starrte den Boden an. |
| |
|
| | Naldo
und Johan Micoud reagierten als erste, sie trabte auf ihren Torwart zu und tickten
ihn aufmunternd an. Ausgerechnet der kühle Franzose, dachte man. Und dann
kamen immer mehr - weitere Werder-Spieler, Manager Klaus Allofs, und selbst Schiedsrichter
Graham Poll versuchte, den Untröstbaren zu trösten.
Turins schlechtes
Gewissen
Sogar ein paar Juve-Spieler klopften Wiese auf die Schulter. Zlatan
Ibrahimovic zum Beispiel und Lilian Thuram. Diese Gesten waren keine Häme,
dahinter steckte eher schlechtes Gewissen. Denn die Weltklassefußballer
wussten, dass sie unverdient weitergekommen sind. Denn über beide Spiele
betrachtet, war Werder die bessere Mannschaft.
Der Bremer Hinspielsieg
ging im Empfinden der Experten als Ausrutscher durch, wie er auch einer Klassemannschaft
wie Juventus passiert. Aber in Turin ging es genau so weiter. Wieder überzeugte
die Mannschaft von Trainer Thomas Schaaf mit Angriffswillen, Ballsicherheit und
Kombinationsfußball. Und als Micoud schon in der 13. Minute das 1:0 schoss,
begannen die Bremer Anhänger ernsthaft daran zu glauben, dass ihr Traum vom
Viertelfinale Wirklichkeit werden könnte.
Wie zwei Wochen zuvor im
Weserstadion spielte Juve auch diesmal in der zweiten Halbzeit seine Klasse aus,
unaufgeregt den Druck zu erhöhen. Werders Klasse war es dagegen, dem standzuhalten.
Zwar schoss David Trezeguet in der 65. Minute das 1:1, aber mehr war nicht drin.
In den letzten zehn Minuten fanden sich die Turiner Profis spürbar mit ihrem
Ausscheiden ab - bis zum Aussetzer des rosaroten Panters im Bremer Tor.
Author:
Torsten Melchers / Nordsee-Zeitung
|
|
|