|
| 
 | | | | | 10.05.2004 Ekstase
in einem grünweißen Tollhaus Bremen steht Kopf und feiert die
Fußballmeisterschaft 2004 Die
hanseatische Zurückhaltung wandelte sich in pure Ekstase. Als am Sonnabend
um 17.16 Uhr in München der Schlusspfiff fiel, fegte ein grün-weißer
Orkan über den Domshof in der Bremer Innenstadt: "Deutscher Meister
ist nur der SVW."
Rund 25000 Fans hatten das Spitzenspiel gegen Bayern
verfolgt. Bereits Stunden vor dem Spiel um die Meisterschale schien die City aus
allen Nähten zu platzen. Wohin man schaute, Menschen in grünweißem
Outfit. Grüne Haare, das grüne W auf Wange oder Nase, das nagelneue
grüne Meisterschaftsshirt bereits optimistisch übergestülpt und
die Plastikmeisterschale vorsorglich im Rucksack. Der Sympathieträger Werder
Bremen hatte sie alle erwischt: gestandene Rentnerpaare, aufgeregte Kindergartengruppen,
Familien und Freunde waren in die City gepilgert, um möglichst nah den erhofften
Sieg zu verfolgen.
Wer sich zeitig in die Stadt aufgemacht hatte, der
hatte gute Karten beim Blick auf die Leinwand. Für alle anderen hieß
es: Hälse recken. War vor dem Spiel in vielen Zwiegesprächen ein "Ich
glaub das noch nicht, dass Werder Meister wird" zu hören, wich die Skepsis
bereits in den ersten Spielminuten. Ailton & Co. zeigten den Bayern, dass
mit ihnen nicht zu spaßen ist, in Bremen feuerten die Fans sie an: "Deklassiert
sie." Daran ließ die Elf von Trainer Thomas Schaaf keinen Zweifel.
"O Mann, das wäre doch die Torchance gewesen", sagte Fußballkenner
Frank. Doch Ailton traf zunächst nicht.
Plötzlich ging ein Raunen
durch die Reihen. Ein "Go, Go" für Klasnic, dann versank der Domshof
unter Jubelschreien. Die Erlösung: 1:0 für die Weser-Elf. Das setzte
nicht nur bei den Spielern Energien frei, auch die Fans begannen, sich in dem
dichten Gewühl wohl zu fühlen. Die Freude auf den Meisterschaftstitel
stieg. Schön-schief und vor allem laut ertönte aus den Kehlen: "Zieht
den Bayern die Lederhosen aus." Und als ob er es gehört hätte,
schoss Micoud nur sieben Minuten später das 2:0. Auf dem Domshof tanzten
die grünweißen Schals. Grünweißes Konfetti flog in die Luft.
Jetzt glaubte die Masse: "Die packen das."
Vorsorglich orderte
man Nachschub aus den grünen Flaschen und prostete sich zu: "Auf den
Meister." Wieder ein Raunen, die Hälse reckten sich in die Höhe.
"Was passiert, was passiert?", fragten die Fans. Uneingeschränkte
Sicht gab es erst ab einem Körpermaß von 1,90 Metern. Manchmal half
aber der Knopf im Ohr. |
| |
|
| | Via
Radioübertragung waren auch die informiert, die außer Köpfen und
Baumwipfeln so gut wie nichts sahen. "Mama, ich sag dir, wenn was passiert",
so der fünfjährige Malte, der auf den Schultern von Papa einen guten
Platz hatte. Als die Meute die Arme in die Höhe reckte und aus vollem Halse
"Oh, wie ist das schön" grölte, da war es passiert. Ailton
schoss das 3:0. Die Meisterschaft so gut wie sicher - und das noch vor der Halbzeit.
"Das wird ein schöner Tag heute Abend", freute sich Matthias. "Ja,
hat er klasse gemacht, unser Nationaltorhüter", feixte Ralf.
Mutig holte er seinen Meisterschaftsschal raus, für zehn Euro vor Wochen
gekauft. Vom Werder-Virus befallen Die Bremer zeigten sich bis in die Zehenspitzen
motiviert - auf dem Spielfeld und auf dem Domshof. Spätestens jetzt waren
alle vom Werder-Virus infiziert. Da trübte auch das Gegentor der Bayern die
Stimmung nicht. "Über Bremen lacht die Sonne, über Bayern die ganze
Welt", waren sich alle einig. Fünf Minuten vor Spielende klatschten
sich die 25000 in Ekstase und stimmten "We are the champions" an. Vorfreude
war auch hier fast die schönste Freude. Abpfiff in München, Startschuss
in Bremen. Mit dem 3:1 Sieg über den Erzfeind war nicht nur die Meisterschaft
entschieden, die Bremer ließen ihren Gefühlen freien Lauf. Jubelarien,
La-Ola-Wellen, Schlachtgesänge und hupende Autokorsos verwandelten die City
in ein grünweißes Tollhaus. Vor den Kneipen tanzten die Fans auf den
Tischen.
Als Ex-Werder-Manager Willi Lemke kurze Zeit nach dem Schlusspfiff
in eine Kneipe kam, war es um seine Vorbildfunktion als Bildungssenator geschehen.
Die Kneipengänger begrüßten ihn mit Applaus und Willi-Rufen, er
konterte strahlend mit einem "Ist das geil." Auch Regierungschef Henning
Scherf (SPD) und Sportsenator Thomas Röwekamp (CDU) hatten sich unter die
Fußballmeute gemischt und kräftig Daumen für die Grünweißen
gedrückt.
Noch Stunden später wurde nicht nur auf dem Domshof
und in vielen Kneipen kräftig die Meisterschaft gefeiert. Rund 15000 Bremer
waren zum Flughafen gepilgert, um ihrer Mannschaft auf dem Rollfeld einen lautstarken
und beeindruckenden Empfang zu bereiten. "Oh, wie ist das schön"
- eine Stadt in Ekstase. Foto: dpa Für die Grünweißen schlägt
das Herz unter dem T-Shirt. Foto: col Uneingeschränkte Sicht nur bei einer
Körperlänge von 1,90 Metern aufwärts: Fußballfieber auf dem
Domshof. Author:
Corinna Laubach / Nordsee-Zeitung |
|
|